Volkskundliches

NeidkopfAuszug aus »Kleines Lexikon des Aberglaubens«, Ditte und Giovanni Bandini, DTV:
»Nach uraltem, weltweit verbreitetem Glauben kann Neid dem Beneideten großen Schaden zufügen, weshalb man auch sagte, daß der Neid »Vieh und Leut frißt« (Böser Blick).
Um sich vor solchem Einfluß zu schützen, errichtete man früher auf den Hausgiebeln sogenannte »Neidstangen«, auf die man in Urzeiten die Köpfe geopferter Pferde, später dann deren Abbilder steckte oder befestigte.
An diesen Brauch erinnern heute noch die gekreuzten Pferdeköpfe auf niedersächsischen Bauernhäusern. Im Mittelalter wurden diese Pferdeköpfe dann vielerorts durch Menschenköpfe mit herausgestreckter Zunge, die sogenannten »Neidköpfe«, ersetzt.
In weiten Teilen Deutschlands, Österreichs und anderer angrenzender Länder ging man davon aus, daß sich der Neid der lieben Mitmenschen vor allem auf das Essen bezieht, weshalb auf dem Land die Familie sofort das Besteck niederlegte, wenn während der Mahlzeit jemand das Haus betrat oder einen Blick auf den Tisch warf. Man befürchtete, daß einem sonst vielleicht der Bissen in die Seele hineingeneidet würde. Einen lebendigen Beleg für diese Ansicht bildet der Bericht des Mauthausener Marktsyndikus Ignaz Reimann aus dem Jahre 1832, demzufolge er zusammen mit dem Gesinde am Jakobitag (25. Juli) beim Essen saß, als ein Krüppel an die Schwelle kam und bettelte. "Ich geh zum Hofbrunn", so der Syndikus, "und hohl mir ein frisch Trinkwasser. Und mir wird mit einmahl der Becher centnerschwer, ich werd todtmüd und verlier das Bewußtsein. Hast sicher weitergessen, meint meine Mutter, wie der bettelt hat. Und das Übel wird immer ärger. Ich werd spindeldürr."
Schließlich läßt ihn die Mutter zu einem Arzt bringen, der die Neidkrankheit konstatiert und dem Kranken eingekochte und pulverisierte Ziegenmilch verordnet. "Drauf werd ich am neunten Fiebertag so schlecht, daß mich versegn lassen wollen. Wart zu, sagt der Steinbrecher zu meiner Mutter, bis zum letzten Pulver. Und wirklich, ein Aß kommt um das ander, unter der Achsel, am Hintern, in der Fußsohln. Lauter gelbes Wasser geht daraus ab. Am zwölften Tag bin ich munter aus der Bettstatt gsprungen und war gheilt von der Neidkrankat. Seither iß ich vor kein Fremden nimmer."«

 

Die Neider sterben wohl,
doch niemals stirbt der Neid.
(Molière, Tartuffe)

 

NeidstangeAuszug aus »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens«, Hanns Bächtold-Stäubli, deGruyter:
»Neid-Stange. Die in der Schlacht erbeuteten Pferde wurden von den Deutschen ihren Göttern dargebracht. Die Häupter der Pferde wurden nicht verzehrt, sondern abgeschnitten und vorzugsweise dem Gotte geweiht. Im Norden errichtete man damit die Zauberkraft wirkende Neid-Stange. Ein Roßhaupt wurde auf eine Stange gesteckt und gegen die Himmelsgegend gerichtet, von der man Feinde erwartete. Man errichtete dieses Zeichen auch im Norden gegen die Wichter und gegen die bösen Geister auf. Noch Egil errichtete gegen König Erich und Gunhild die Neid-Stange, obgleich er dem Christentum zugetan ist. Hier tritt aber zu dem Begriff der Abwehr der Begriff vom Schimpf stark hinzu. Der Feind wird verhöhnt. Die Pferdeköpfe an den Giebeln der niedersächsischen Bauernhäuser erinnern an die Neid-Stange.«

 

Neidkopf am Michelstor in DirmsteinAuszug aus »Feste und Bräuche im Jahreslauf«, Johanna Woll, Ulmer Verlag
Abwehrzeichen und Schutzwirkungen
»Von Hausfassaden und Eingängen grinsten die abweisenden Fratzen der geschnitzten oder in Stein gehauenen Neid- und Schreckköpfe herab. Sie sollten, wie auch Tierschädel an Dachfirst oder Kamin, den bösen Mächten den Zutritt zu Haus und Stall verwehren. Ins Holz eingekerbte Hexenkreuze, Teufelsknoten, Drudenfüße (Fünfsterne) hatten ebenfalls Schutzfunktion. Sie wurden an Einfahrten, Stalltoren, Türschwellen, Arbeitsgeräten, aber auch an Möbeln, besonders an Betten, angebracht. Unheil bannen und Dämonen abwehren sollten auch am Haus befestigte Sicheln, Sensen und Hufeisen.
Schwalbennester unterm Dach und Storchennester auf dem Dach hielten den Blitz ab. Gegen Hagel schützte die Wachtel mit ihrem Ruf: »Fürchte Gott, trau auf Gott!« Auch bestimmte Pflanzen hatten Schutzwirkung vor Blitz und Unwetter; so die blauen Blüten des Rittersporns, die Hauswurz, die Kornblume, und das Himmelfahrtsblümchen. Gegen Hexen schützte der vierblättrige Klee.«

 

NeidstangeAuszug aus »Fachwerk in Deutschand«, G. Ulrich Großmann, IMHOF-Kulturgeschichte
»Aus dem Mittelalter in die Renaissance übernommen sind groteske Figuren wie Blecker und Zanner, die den Betrachtern ihren nackten Hintern zeigen oder Fratzen schneiden. Diese Figuren dienten keinesfalls der Dämonenabwehr — wer den Teufel abwehren wollte, tat dies mit einer Figur von Christus oder einem Heiligen —, sondern sollten zum Lachen reizen und besaßen vor allem Unterhaltungswert, wie aus der spätmittelalterlichen Literatur bekannt ist. Allerdings haben nicht nur völkische Autoren des 20. Jahrhunderts, die in ihnen einen angeblichen Beweis für das heidnische — also vorchristliche — Denken der Menschen im Mittelalter sahen, diese Darstellungnn mißinterpretiert. Selbst seriöse Forscher haben Ironie und Witz als Motivation für die Bilder verkannt. Letzlich ist dies ein Forschungsproblem, denn die Hausforschung beschäftigt sich kaum mit mittelalterlicher Literatur und Germanisten nicht mit dem Hausbau. Auch Drachen und Fabelwesen sind keineswegs Unheil abwendende Gestalten, sondern haben zumeist ornamentalen Charakter. Sie sind wie alle anderen figürlichen Darstellungen an weit verbreiteten Vorlagegrafiken orientiert. Schon von den Ornamentstechern wurden sie als Rahmung anderer Bilder konzipiert.«

 

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